Warum führen wir Gedenkzeremonien für Verstorbene durch?

Warum führen wir Gedenkzeremonien für Verstorbene durch?

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Bremgartenfriedhof in Bern Gedenkzeremonien für Verstorbene

Jedes Jahr führen verschiedene buddhistische Gruppen im Buddha-Garten auf dem Bremgartenfriedhof in Bern Gedenkzeremonien für Verstorbene durch. Warum tun wir das? Um das zu verstehen, werfen wir zuerst einen kurzen Blick auf die Existenzbereiche gemäss der Lehre Buddhas. Es gibt sechs Bereiche: drei sind vorteilhaft – Götter, ehrgeizige Halbgötter und Menschen: Drei sind nachteilig – Tiere, Hungrige Geister und Höllenwesen. Tiere stehen für Unwissenheit und dafür, Leiden ausgeliefert zu sein. Höllenwesen sind durch Hass, Neid und Bosheit gekennzeichnet, und Hungrige Geister symbolisieren Gier, die nicht befriedigt werden kann. Wir können uns die Existenzbereiche vorstellen als Bereiche, in denen sich unser Bewusstsein über verschiedene Existenzen hinweg befunden hat oder als Wesensaspekte unserer gegenwärtigen Person. Auch wir kennen Ehrgeiz, Neid und Hass, und unser Bedürfnis nach Liebe, Zuwendung, Anerkennung und Wertschätzung wurde nicht immer erfüllt. Wenn unser Geist weiß, dass wir in der Vergangenheit viele unheilsame Dinge getan haben, kann er sich ändern, denn er ist unbeständig wie alles.

Der Todesmoment als Übergang. Die buddhistische Vorstellung ist, dass beim Ableben ein durch Karma bedingter Bewusstseinsrest zurückbleibt. Getrieben von Gier und Unwissenheit, entsteht unmittelbar nach dem Tod die erste Regung dieses Bewusstseins im Zwischenzustand oder im Embryo. Der Zwischenzeitraum bis zur Wiedergeburt beträgt je nach Tradition null bis circa 49 Tage. Der Todesmoment ist sehr wichtig. Todesrituale wurden im Chan seit Beginn vollzogen, und bei der Einäscherung der Toten wurde Amitabha angerufen. Wer mit der Geisteshaltung eines tiefen Vertrauens in den Buddha stirbt, kann in diesem Augenblick die subjektive Erfahrung von „ich“ loslassen. Er erlebt seine Buddha-Natur durch den Buddha Amitabha. So kann der Sterbende rechte Achtsamkeit aufrechterhalten, alles niederlegen und einen tiefen Meditationszustand mit ruhigem Geist erreichen. Meistens bestehen jedoch nach dem Tod noch starke Anhaftungen. Daher wird der Verstorbene nochmals daran erinnert, alles gehen zu lassen.

Bremgartenfriedhof in Bern Gedenkzeremonien

In unserer Zeremonie sprechen wir vor kurzem Verstorbene an und führen Rituale aus für diejenigen in den nachteiligen Existenzbereichen sowie für «einsame Geister». Die Wesen in diesen Bereichen sollen befreit werden. Einsame Geister sind stark mit Karma behaftete Bewusstseinsreste, die sich nicht von ihrer Lebens-umgebung lösen können. Das sind vor allem plötzlich und unvorbereitet Verstorbene und solche ohne Beistand im Todesmoment. Aufgezählt werden: Kinder die von den Eltern getrennt starben, Menschen, die im Krieg, durch Terror, in Ärger und in der Fremde verschieden, alle, die ein schweres Leben hatten, ausgenutzt und gefoltert wurden, und alle, die aus Verzweiflung Selbstmord begingen, sowie alle, die alleine und unvorbereitet starben. An diese Verstorbenen zu denken ist in der heutigen unruhigen Zeit besonders wichtig. Unfälle, Terror, Kriege, Fluchtbewegungen, alleine migrierende Kinder usw. können zu solchen Todesfällen führen. Nur schon, dass einige Menschen ihrer gedenken und eine Zeremonie für sie ausführen, könnte helfen, die Welt zu befrieden.

In unseren Gedenkzeremonien für Verstorbene führen wir Reue-Rituale aus und rufen die noch nicht befriedigten Geister Verstorbener auf, umzukehren, zu bereuen und Zuflucht zu den Drei Juwelen zu nehmen. Reue zu praktizieren, beseitigt karmische Hindernisse. Tief wurzelnder Groll und Hass kann endlich ausgerottet werden. „Heute entschließen auch wir uns, Erwachen zu erreichen und den Weg zu beginnen. Wir wollen einen mitfühlenden Geist erzeugen, und wir bereuen begangenes Unrecht. Wir vertrauen auf die Kraft Buddhas, entwickeln Weisheit und Entschlossenheit. Wir wollen Groll und Hass zwischen den Lebewesen auflösen und schließen unsere Eltern, unsere Familien und Freunde, Höllenwesen, Hungrige Geister und Tiere sowie alle Lebewesen ein. Lasst den früheren Groll gehen. Lasst zukünftigen Groll nicht entstehen. So wird alles Leiden beendet.“

Bremgartenfriedhof in Bern Gedenkzeremonien

Wir machen Reue-Niederwerfungen zu den Buddhas und Bodhisattvas für alle Wesen. Nach der Rezitation des Herz-Sutras erwecken wir Bodhicitta und legen Gelöbnisse ab. Wir laden die Buddhas und Bodhisattvas, vor allem Ksitigarbha, der die Wesen aus der Hölle befreit, und Guanyin ein, ebenso alle Verstorbenen, die Höllenwesen, die Hungrigen und die Einsamen Geister sowie die Tiere ein. Mögen alle befreit werden von Wiedergeburt und von Unglück. Dann geloben wir den Geist des Erwachens zu erwecken. „Der Geist ist leer, und wenn er aufhört, hört auch Karma auf. Mögen die Leiden der Menschen in Glück und Befreiung umgewandelt werden. Mögen die Verstorbenen in der Erinnerung bleiben und in heilbringenden Existenzen geboren werden. Mögen die vielen Leiden der Tiere verschwinden.“

Zum Abschluss übertragen wir die Verdienste dieser Zeremonie auf alle Lebewesen. Mögen alle, die in endlose Leiden eingetaucht sind, rasch in den klaren Buddha-Reichen wiedergeboren werden. Erinnern wir uns, dass alle Verdienste in ihrer Natur leer sind. Die Zeremonie und alle diese Handlungen sind im Grunde leer von einer Selbstexistenz. Das eigentliche Ziel ist das Erwachen, das Erkennen unserer eigenen Buddha-Natur.

Am 15. September, dem diesjährigen Totengedenktag ergänzten sich die Zeremonien der unterschiedlichen Traditionen. Vor der Chan-Zeremonie sangen Mitglieder der Gruppe sozialer Buddhismus Yun Hwa Sah Mantras zu Ksitigarbha und Buddha Amitabha für ihre Ahnen. Dann weihte der ehrw. Theravāda‐Mönch Bhante Anuruddha Gaben der Angehörigen zur Verdienst-übertragung auf die Verstorbenen.
In der tibetischen Chöd-Tradition wurde die Praxis des Nicht-Anhaftens an dieses Leben mittels meditativem Sprech-gesang, Trommel und Glocke ausgeübt. Die Verdienste der Praxis wurden den Menschen gewidmet, die auf einer Palliativstation liegen und den in den letzten 49 Tagen Verstorbenen.
Besonders berührend waren die verschiedenen Gesänge und Rezitationen, das Zusammengehen von Ritualen in den unterschiedlichen Traditionen und von Menschen mit Migrationshintergrund und westlichen Praktizierenden. Es war ein sehr besinnlicher, ruhiger und ergreifender Vormittag.


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